Manchmal kommt die Musik einfach zu mir. Ich habe zum 11. September, dem Geburtstag von Moby recherchiert. Ich wollte an dem Tag einen Song von ihm posten. Bei ihm bedeutet mir die Kunst vom Künstler zu trennen etwas ganz anderes als bei den meisten MusikerInnen, bei denen diese Trennung notwendig ist. Moby ist kein problematischer Mensch, der gute Musik macht, sondern ein guter Mensch, der Musik macht, mit der ich meist nichts anfangen kann. Ich mag einige seiner Songs, z. B. „Porcelain“ und „Lift Me Up“. Und es gibt ja auch seine Coverversion von „New Dawn Fades“ (Joy Division), die mich glauben lässt, dass wir ähnlich musikalisch sozialisiert wurden. Wir haben auch noch eine weitere Gemeinsamkeit.
Moby ist schon lange vegan und Tierrechtsaktivist. Genau gesagt, war er als ich 1997 Vegetarier wurde, schon seit 10 Jahren vegan. Zu einer Zeit, in der pflanzliche Ernährung zwar möglich war, es aber noch nicht das Angebot an veganen Produkten gab, die wir heute konsumieren können. Dafür verdient Moby meinen Respekt und meine Sympathie als Mensch. Nun habe ich mich durch seine Spotify-Discographie gearbeitet, auf der Suche nach einem passenden Song. Dabei stieß ich auf ein Album, dass er 2016 als Moby & The Void Pacific Choir aufgenommen hat: „These Systems Are Failing“. Die Raver unter den Moby-Fans werden hiervon 20 Jahre nach dem Punk-Album „Animal Rights“ erneut irritiert gewesen sein. Wieder schnallte sich Moby die Gitarre um und schrie wütende Botschaften ins Mikrofon. Darüberhinaus spielte er auch alle anderen Instrumente ein. The Void Pacific Choir fungierte tatsächlich nur als Background-SängerInnen.
Ich habe jetzt erst angefangen, das musikalische Werk von Moby zu entdecken, bisher waren mir nur die Songs geläufig, die auch mal im Radio laufen, wie „That’s When I Reach For My Revolver“, eine Coverversion von Mission of Burma, sowie die bereits erwähnten „Porcelaine“ und „Lift Me Up“. Ich empfinde „These Systems Are Failing“ als guten Einstiegspunkt, wenn man nicht die electro-ravige Seite von Moby bevorzugt. Bei Discogs habe ich neben der regulären CD auch eine „Deluxe Edition“ gefunden, die drei Bonustracks enthält. Der letzte Titel trägt dabei den Namen meiner lieben Freundin DarkStar. Leider ist die „Deluxe Edition“ nicht bei Spotify und Bandcamp erhältlich, weshalb ich sie spontan via Discogs gekauft habe – und die „Animal Rights“ gleich hinterher.
Moby hatte zur Veröffentlichung von „These Systems Are Failing“ folgendes Statement geschrieben, die Übersetzung stammt von Tonspion:
Diese Systeme versagen. Und zwar alle.
Wir haben großartige Städte gebaut. Großartige Industrien. Großartige Systeme. Und eigentlich sollten diese Systeme uns beschützen, uns befreien. Stattdessen aber haben sie die Luft vergiftet, die Tiere getötet, die Landschaften entstellt – und auch uns selbst zerstört. Wir glauben, die Probleme im Zusammenhang mit der Produktion von Lebensmitteln und der Verteilung von Reichtum und Ressourcen im Griff zu haben, dennoch sind wir schlechter dran als je zuvor.
These Systems Are Failing ist der Titel meines neuen Albums. Es wird die erste Platte sein, die ich als Moby & The Pacific Void Choir veröffentliche.
Ich bin an diese Platte herangegangen wie ein Vierjähriger, der beim Frühstückmachen alles auf den Tisch stellt, was er mag: Eiscreme, seinen Hund, Toastscheiben, Spielzeugautos. Auch ich habe in das neue Album all das hineingesteckt, was ich mag: Punk, Post-Punk, New Wave, Euphoric Rave und eine Menge Geschrei.Dann habe ich das Album einigen Freunden aus der Musikbranche vorgespielt, und die sagten: „Wow … Das hört sich ziemlich wütend an.“ Also bin ich zurück ins Studio und habe noch eine Schippe Wut draufgelegt.
Ich kann keine Lösungen anbieten, sondern nur auf Probleme aufmerksam machen.
Einige meiner Landsleute mittleren Alters versuchen, sich dem Popmusikmarkt anzupassen, aber ihre Arbeiten sind deprimierend und kraftlos. Wenn ich sehe, wie ältere Musiker vorgeben, jung und relevant zu sein, werde ich von einer tiefen Traurigkeit erfüllt. Ich bin 50 Jahre alt. Warum sollte ich das leugnen?
Wer künstlerische Kompromisse eingeht, wird faule Früchte ernten.
These Systems Are Failing ist in Los Angeles entstanden. Sechs Jahre ist es her, dass ich hierher, in die seltsamste aller Städte, gezogen bin. Hier gibt es so viel Leere. Und Dunkelheit. Im Osten ist die Wüste, im Westen ein weiter Ozean, und in der Mitte fließen die unterschiedlichsten Kulturen ineinander. Die Kunst dieser Stadt ist eigenartig, ihre Widersprüchlichkeit absolut faszinierend. Wer hier lebt, wird unweigerlich von ihr verändert.
Der Name The Void Pacific Choir ist aus einem Zitat von D._H. Lawrence abgeleitet, in dem er sinngemäß sagt: „People in L. A. are content to do nothing and stare at the void Pacific.” (Die Menschen in L. A. begnügen sich damit, nichts zu tun und auf den leeren Pazifik hinauszustarren.) Oftmals wird dieser „Void“ auch als eine riesige, dunkle Leere mit angsteinflößendem und sonderbarem Charakter empfunden. Als der dunkle und bösartige Abgrund bei Nietzsche, der, wenn du zu lange in ihn blickst, auch in dich hineinblickt. Mir gefiel diese paradoxe Vorstellung eines pazifischen, also eines friedvollen Abgrunds – einer Art gutartigen Leere. Daher der Name.
Popmusik ist immer noch ein interessantes und faszinierendes Medium. Sicherlich stellt sie nicht die beste Möglichkeit zur Untersuchung komplexer politischer Themen dar, aber wenn du über die Musik, die du liebst, Themen ansprechen kannst, die für dich relevant und für den Hörer keine Zeitverschwendung sind, dann ist das meiner Meinung nach eine anstrebenswerte Sache.
Kommerziell war „These Systems Are Failing“, genau wie das Nachfolgeralbum mit The Pacific Void Choir „More Fast Songs About the Apocalypse“ (2017), nicht erfolgreich, doch darum ging es Moby dabei wahrscheinlich auch nicht. Erstens hat er in seiner Karriere wohl genug Geld verdient und zweitens ist es die Haltung, die zählt.
